Einst ein Fürstensitz

Der folgende Artikel ist im Konradsblatt Ausgabe 22/2022 vom 24.05.2022 erschienen. Mit freundlicher Genehmigung des Autors Dr. Bernd-Mathias Kremer stellen wir Ihnen diesen lesenswerten Text vor:

Die Stadt Heitersheim, einst Sitz des Großpriors des Malteserordens für Deutschland und Fürstentum
- von Bernd Mathias Kremer

konradsblatt-titel-22-2022Wer heute die Stadt Heitersheim mit ihren ca. 6000 Einwohnern aufsucht, dem wird nicht sofort bewusst, welch bedeutende historische Rolle sie seit der Römerzeit und insbesondere während der Zeit als Sitz des Malteserordens spielte. Dies wird ihm aber spätestens erkennbar, wenn er die noch verbliebenen beachtlichen Reste des ehemaligen Malteserschlosses und die Ruinen der römischen Villa entdeckt hat. Beide Anlagen sind in ihrer Art herausragend. Vor allem das in seinem ursprünglichen Aussehen durch einen Stich von Merian überlieferte Malteserschloss, war ein in Baden einzigartiger Komplex einer Tiefenburg von großem malerischen Reiz. In Anbetracht der weitgehend in den Bauernkriegen und von den Franzosen ruinierten badischen Burgen ist es fast ein Wunder, dass diese schlossartige Burg die zahlreichen Kriege bis zum Ende des Ordensstaates, abgesehen von Zerstörungen im Bauernkrieg, unbeschadet überstanden hat und erst nach dessen Auflösung im beginnenden 19. Jahrhundert ein Teilabbruch der Gebäude erfolgte. Heitersheim liegt im Markgräflerland, war aber als eigenes Territorium nicht Teil der Markgrafenschaft. Dieses Gebiet gehörte vielmehr zu den Hunderten von Kleinstaaten, die die Landkarte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation bestimmten. Die Großprioren kämpften mit den Habsburgern lange Zeit um die Landeshoheit, mussten aber im 18. Jahrhundert anerkennen, dass ihr Gebiet Teil Vorderösterreichs war. Zwar war der Großprior Reichsfürst und Mitglied des Reichstages, aber der Malteserstaat stand unter der Oberhoheit Österreichs.

Vorspiel: Die Römerzeit

Heitersheim zählt zu den frühesten Siedlungen, worauf Funde aus der Kelten, Römer und Alemannenzeit hinweisen. Urkundlich wurde es erstmals 777 erwähnt und die erste Pfarrkirche soll um 1110 entstanden sein. Den spektakulärsten Fund aus der Römerzeit stellt die ab 1991 ergrabene Villa Urbana dar, die zu den größten Anlagen aus dieser Epoche zählt. Sie wurde im 1. Jahrhundert n. Chr. errichtet und bestand bis ca. 260. Der überbaute Teil war etwa 1500 qm. groß, das Gesamtareal hatte einen Umfang von rund 55.000 qm. Es war eine Anlage von großem Luxus und zivilisatorischen Ansprüchen mit eigenem Bad. Die heute überdachte Anlage lädt wie das römische Bad in Badenweiler zu einer Besichtigung ein. Das Speicherhaus wurde rekonstruiert, in ihm wird ein Café betrieben. Reizend ist auch die Lage mit wunderbarem Blick in die weite Landschaft. - So ergibt sich für Heitersheim eine beachtliche Siedlungskontinuität von der Frühzeit über die römische Phase, das Mittelalter, den Malteserstaat bis in unsere Epoche.

Die Malteser

Die Ordensgemeinschaft der Malteser wurde während die Zeit der Kreuzzüge im 11 Jahrhundert in Jerusalem gegründet. Sie ist sowohl unter dem Namen Johanniter, wie Malteser bekannt. Der Name Malteser geht auf seine Ansiedlung auf der Insel Malta um das Jahr 1530 zurück. 1113 wurde sie päpstlich anerkannt und gehörte damit zu den anerkannten Orden, wie auch der Deutsche Orden und der Ritterorden vom Heiligen Grab. Zunächst war der Orden im Kampf um das Heilige Land engagiert, wo er sich auch der Pflege der Verwundeten annahm. Später tat sich der Malteserorden vor allem im Kampf gegen die Osmanen hervor, die er bei der Belagerung Maltas im Jahre 1565 besiegte. Der Malteserorden hat auch heute noch eine einzigartige Stellung. Er ist souveränes Völkerrechtssubjekt, Ritteroden und kirchlicher Orden. Er hat das Recht Botschafter zu entsenden und unterhält Beziehungen zu 112 Staaten. Nach mehrfacher Veränderung befindet sich sein Sitz in Rom. Heute sind die Malteser in erster Hinsicht karitativ tätig. Der Malteser-Hilfsdienst nimmt sich in vielen Bereichen der Notleidenden und Bedürftigen an. Bei vielen Katastrophen wirkt seine Unterstützung segensreich.

Frühere Funktion

Zur Zeit der späteren Phase des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation hatte der Orden, neben seiner zurückgegangenen militärischen Bedeutung, eine nicht zu unterschätzendes Gewicht als Grundherr, die bis bis zur „Quasistaatlichkeit“ gehen konnte. So diente er vor allem der Versorgung des nachgeborenen Adels, der bei ihm eine wirtschaftlich und politisch nicht unbedeutende Aufgabe fand. In den Ordenskommenden konnte er ein standesgemäßes Leben führen. Es erstaunt, dass der Malteserorden all die Jahrhunderte überstanden hat. In gewisser Beziehung ist er ein immer noch lebenskräftiges Relikt aus dem alten Reich, dessen Fortexistenz jedoch immer wieder, insbesondere zur Zeit Napoleons, gefährdet war.

Die Entwicklung des Malteserstaates in Heitersheim

Die Geschichte der Malteser begann mit einem Umweg über Freiburg, wo sich die Malteser zunächst niedergelassen hatten. 1272 hat Ritter Gottfried von Staufen den Johannitern (Maltesern) von Freiburg das Heitersheimer Gut sowie weitere Güter gestiftet. In den folgenden Jahren kam es zu weiteren Gebietserwerbungen im Umfeld von Heitersheim und schließlich im Jahre 1335 zur Gründung einer eigenen Komturei. Während die Bedeutung Heitersheims wuchs, ging die von Freiburg zurück. Teilweise wurde das Amt des Komturs beider Orte gemeinsam wahrgenommen. Schließlich ging die Freiburger Komturei unter, als sie der Errichtung der Vaubanschen Befestigungsanlage zum Opfer fiel. Indessen erfolgte der weitere Aufstieg von Heitersheim, dass nach einem früheren Beschluß des Großkapitels im Jahre 1505 Sitz des Großpriors für Deutschland wurde. Ein weiterer bedeutender Schritt war die Erhebung des Großpriors Georg Schilling von Cannstatt in den Reichsfürstenstand im Jahre 1548; eine Standesanhebung, die auch für seine Nachfolger galt. Sie führte indessen zu einem langen Streit, ob dadurch auch das Territorium reichsunmittelbar geworden ist, in dem sich letztlich Österreich zugunsten von dessen eigener Landeshoheit durchsetzen konnte. Durch die Erhebung in den Reichsfürstenstand wurde Heitersheim auch für hochgestellte Adlige, wie den prachtliebenden Kardinal Friedrich von Hessen (+ 1682) interessant, der einige Jahre in Heitersheim residierte und noch zum Fürstbischof von Breslau aufstieg.

Das Malteserschloss

Die Erhebung des Großpriors zum Reichsfürsten bedingte die Errichtung einer adäquaten Burg/-schlossanlage als Residenz. Der großzügige Ausbau zu einer von einem Wassergraben umgebenen Burg begann in der spätesten Phase des Mittelalters nach 1505. Es ist eine große massiv befestigte Anlage mit Zinnen, mehreren Türmen, die um zwei große Höfe gebaut ist. So diente sie zugleich dem Verteidigungs- und Repräsentationsbedürfnis. Wir besitzen von dem Heiterheimer Schloss einen Stich von Matthäus Merian der zeigt, welche Dimensionen und welch außerordentlich romantischen Charakter das Schloss hatte. Ergänzt wurde die Anlage im 18. Jahrhundert durch den wohlproportionierten Kanzleibau mit dem Prunkwappen des Großpriors von Nesselrode. In dem Kanzleigebäude, das eine Augenweide darstellt, befindet sich ein Museum über die Malteser. Im zweiten Schlosshof finden wir eine wirkungsvoll im Renaissancestil bemalte Fassade. Nach der Säkularisation wurde vor allem die Gebäude im vorderen Hof abgerissen, er ist aber mit neuen Gebäuden nach wie vor erlebbar.

Nach der Säkularisation kam das Schloss an verschiedene private Besitzer. Später kauften es die Vinzentinerinnen, die auch neue Bauten, wie die Schlosskirche, errichteten. In den letzten Jahren diente das Schloss vor allem als Altersheim für die Schwestern. Wir finden auch einen großen Friedhof, wo diese Idealisten der Nächstenliebe beigesetzt werden. - Nachdem sich ein privates Schulprojekt unter chinesischer Beteiligung zerschlagen hat, kaufte die Stadt Heitersheim das Schloss und wird es voraussichtlich für soziale und kulturelle Zwecke nutzen.

Weitere Erinnerungsmale

Auch an anderer Stelle finden wir noch bemerkenswerte Relikte aus der Malteserzeit. Vor allem in der unlängst sehr schön renovierten Pfarrkirche im klassischen Weinbrennerstil aus den Jahren1825-27, in die mehrere prunkvolle Grabsteine der Großprioren übernommen wurden. Auch zahlreiche Portraits, darunter des letzten Großpriors Rinck von Baldenstein, sind noch vorhanden und demonstrieren Rang und Bedeutung der fürstlichen Amtsinhaber. Zum Teil sehr alte und repräsentative Grabsteine von hohen Ordensbeamten, insbesondere Ordenskanzlern, erinnern uns auf dem Friedhof an die Ordenszeit und lassen die Malteser sichtbar bleiben. Das Gebäude des 1616 errichteten Franziskanerklosters ist ebenfalls ein Relikt der Malteserepoche, die Ordenskirche ist allerdings abgerissen.

Es ist fast ein Wunder, dass der Orden die Jahrhunderte überdauert hat und auch heute noch eine ganz besondere Institution darstellt. Ursprünglich sollte sich mit der Säkularisation seine Bedeutung sogar noch steigern, denn im Hinblick auf seine Verdienste um das Reich sollten ihm die ganzen Abteien und Klöster im Breisgau, aber auch Schuttern und Tennenbach übergeben werden. Er sollte wie der Deutsche Orden, von der Säkularisation ausgenommen werden. Wäre dies gelungen, hätte dies ein gewaltiges Loch in das neu entstandene Großherzogtum Baden gerissen. Dem Orden gelang jedoch nicht die Besitznahme der Abteien und Klöster und der badische Staat erreichte später eine Aufhebung dieser Bestimmung des RDH. - Auch wenn damit die Geschichte der Malteser in Heitersheim endete, blieb er als bedeutende karitative Einrichtung und Völkerrechtssubjekt bis in unsere Zeit bestehen.